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Der Weg zum optimalen Klang

Die Beschallung für das Klassik/Jazzkonzert SCORCHED

(Quelle: BTR – Bühnentechnische Rundschau, 5/2003)

SCORCHED hieß ein Musikprogramm im Rahmen des Schleswig-Holstein-Festivals, das einem begeisterten Publikum in der Hamburger Musikhalle geboten wurde. Der Name geht auf die Beteiligten zurück: Das 70-köpfige Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt, die HR Big Band und das hochkarätige Jazz-Trio John Scofield (E-Gitarre), Peter Erskine (Schlagzeug) und John Patitucci (E-Bass) spielten unter der Leitung von Dirigent Hugh Wolff eine Komposition des Amerikaners Marc Anthony Turnage nach der Musik von John Scofield. Die Kombination aus Jazz und Klassik sollte einen einheitlichen „Sound“ ergeben. Die Herstellung dieser Balance erforderte komplexe Beschallung, die für Klassik-Konzerte in der Musikhalle normalerweise nicht notwendig ist. Ein Arbeits- und Anwenderbericht über das Beschallungssystem von der Firma Neumann&Müller aus Hamburg.

Die Beschallung von SCORCHED wurde in der Musikhalle von Projektleiter Thomas Anbuhl (Neumann&Müller GmbH, Hamburg) betreut. Er holte Toningenieur Cees Snellink (Hamburg), Messingenieur Holger Weitkämper (AiR Ingenieurbüro, Hamburg) und Ralf Zuleeg (d&b Audiotechnik, Stuttgart) in sein Team, um die optimale Beschallung für SCORCHED zu realisieren. Im Scheinwerferlicht, an ihren Stühlen wie festgewachsen, den Blick aufs Notenpult gerichtet, vollführen die Musiker auf ihren Instrumenten einen wahnwitzigen Notenwirbel. Violen, Trompete,Celli, Percussion - der Klang rast, hält an, wächst und verebbt: Auf der Bühne der Hamburger Musikhalle läuft der Soundcheck für SCORCHED. An der rechten Bühnenseite stehen drei Tontechniker bereit, um,gegebenenfalls neu zu verkabeln oder Mikrofone umzupositionieren.

Jazz und Klassik

"Die Kunst ist es, alles wie ein Sound klingen zu lassen", sagt Toningenieur Cees Snellink. „ Die Musikhalle ist ein Raum, der bei klassischen Konzerten normalerweise nicht beschallt werden muss. SCORCHED ist Jazz und Klassik. Das sind zwei unterschiedliche Musikarten für die eine klangliche Balance gefunden werden muss - und das heißt beschallen. Die Instrumente im Jazz und der E-Musik sind eher laut und die klassischen, akustischen Instrumente eher leise. Kommen nun beide zusammen, muss der Toningenieur die Balance finden. Die Musik verlangt dann eine Verstärkung, auch um die Soli herauszuarbeiten. Da es ja auch ein klassisches Konzert ist, besteht die Herausforderung dieses Raumes aber auch darin, den Sound so zu gestalten, dass das Publikum den Eindruck hat, es gibt keine Beschallung. Vielleicht ist das die Kunst an diesem Abend." Cees Snellink steht in der 19 Stuhlreihe hinter seinem digitalen Mischpult, einem Yamaha PM 1 D. Nur dreiunddreißig Zuschauersitze mussten für die Aufstellung entfernt werden. Das Yamaha PM 1 D gehört zur neueren Generation digitaler
Mischpulte. Dass es an diesem Abend zum Einsatz kommt, liegt an seiner Kompaktheit: 92 Kanäle, comp/lim und ein time-allignment, das sich leicht einstellen lässt. Das heißt, die Ein- und Ausgänge können nachträglich verzögert werden.

Die Lautsprecher

Über den Köpfen der Symphoniker auf der Bühne fliegen in sechs Meter Höhe rechts und links vom Bühnenportal zwei kohlenschwarze Q1-Line-Arrays von d&b Audiotechnik. Sie sind die Hauptkomponente des Beschallungskonzeptes. In jedem Line Array sind vier Q1-Module aneinander gekoppelt. "Wir wollten eine möglichst gleichmäßige Schallverteilung und einen gleichmäßigen Frequenzgang in der Musikhalle erzielen. Außerdem sollte sich das Lautsprechersystem durch eine minimale rückwärtige Abstrahlung auszeichnen, um den Hörfunkmitschnitt des NDR nicht zu beeinflussen und um eine hohe Rückkopplungssicherheit für die Beschallung zu gewährleisten", beschreibt Thomas Anbuhl die Zielsetzung. Das ist prinzipiell die Stärke eines Line Arrays. Die einzelnen Module als Einheit funktionieren wie ein großer Lautsprecher. Sie haben eine zylindrische Wellenfront, die in Ihrer vertikalen Abstrahlung eine große Fläche abdeckt. ohne dass Phasen- Störungen auftreten. Ihr sauber skalierbares Richtverhalten ist weitestgehend frei von Interferenzeffekten. Das horizontale Abstrahlverhalten verhält sich bei jedem Line Array gleich. Durch die Möglichkeit die Winkelgrößen zwischen den einzelnen Boxenelementen zu verändern, kann ein leichtes Curving im Line Array erreicht werden. Damit können der vertikale Abstrahlwinkel und der Schalldruckpegel eingestellt werden. Das Line Array sieht dann wie eine schwarze Banane aus. Thomas Anbuhl hat sich für die Q1-Line-Arrays von d&b Audiotechnik entschieden, seit langen Jahren Partner von Neumann&Müller. Die Q-Serie wurde in enger Zusammenarbeit entwickelt und kommt erst im nächsten Jahr auf den Markt. Vielleicht auch daher die Neugierde, wie sich das Lautsprechersystem bei SCORCHED bewähren wird.
Außer diesen " fliegenden Bananen" sind noch andere Lautsprecher im Einsatz. Für die ersten beiden Zuschauerreihen liegen an der Rampe klein und kaum sichtbar Frontfills (E3). Seitlich der Rampe an den Portalseiten stehen Nearfills (C7 TOP). Diese Lautsprecher optimieren den Klang. Sie beschallen die Bereiche, die von den Line Arrays nicht abdeckt werden.

Eingemessen ...

Damit das Lautsprechersystem und das Mischpult optimale Leistung erbringen können, musste die Musikhalle vor dem Soundcheck eingemessen werden. Ralf Zuleeg (d&b Audiotechnik) und Messingenieur Holger Weitkämper, die den Aufbau des Line Arrays fachlich begleitet haben, haben diese Aufgabe gemeistert. "Wir haben die zeitliche Anpassung der Beschallungskomponenten messtechnisch ermittelt. Danach wurde eine Mitteilung von Messungen an repräsentativen Messpunkten zur Beurteilung des Frequenzverhaltens von Beschallungsanlage und Raum erstellt. Das Frequenzverhalten wurde entsprechend korrigiert. In Stichproben wurde die Schallverteilung und Sprachverständlichkeit auf den gesamten Hörerflächen kontrolliert", umreißt Holger Weitkämper das Aufgabenfeld. Um den optimalen Klang zu erhalten, wurde die Musikhalle bis in die letzte Ecke ausgehorcht. Treppe auf, Treppe ab, im Parkett und den Rängen., damit Ihnen nicht das kleinste Soundloch entgeht. Immer wieder Korrekturen im Computer, bis alle Beteiligten zufrieden waren.

Das Konzert

Mittlerweile herrscht Stille in der Musikhalle. Nur die Techniker treffen noch die letzten Vorbereitungen für das Konzert. Auf der Bühne werden Mikrofone überprüft und Kabel säuberlich gebunden, damit kein Musiker stolpert. Alle Vorbereitungen sind gut verlaufen, auch der Soundcheck, aber: Entscheidend ist die optimale Mischung am Abend des Konzertes. Langsam füllen sich die samtroten Sitzplätze. Der Saal wird dunkel und die Musiker betreten die Bühne. Auf dem digitalen Mischpult blinken rote, gelbe und grüne Dioden in Reihen oder als vereinzelte Punkte. John Scofield, PeterErskine und John Pattitucci nehmen an ihren Instrumenten Platz. Applaus. Die Zuhörer in der Musikhalle verstummen. Neunzig Minuten lang erklingt ein klarer, sauberer und differenzierter Sound, der den Nuancen - Jazz und Klassik, den Soli - Atem gibt. SCORCHED wird zu einem musikalischen Zauber, der das Publikum begeistert. Standing - Ovation!
Hinter der Bahne, in den Garderoben der Musiker herrscht eine ausgelassene Stimmung. Eine große Erleichterung ist spürbar. Die Anspannung ist vorbei und hat der Freude darüber, dass alles gut gelaufen ist Platz gemacht. Der Sound und die Resonanz des Publikums waren großartig.

Das Team von Neumann&Müller ist zufrieden, denn ihr Beschallungskonzept hat sich bewährt. Die Lautsprecher, das Mischpult, die Messungen, die Mikrofone und viele von den unerwähnten, wichtigen, kleinen technischen Details haben ein System ergeben, das funktioniert hat und sie in der Neuentwicklung bestätigt. Die Line Arrays klingen sehr offen, sehr transparent, sehr angenehm, sie sind ungeheuer präzise. „ Alles was du machst hörst du auch“, schildert Cees Snellink seinen Eindruck. Aber die Technik ist oft nur so gut, wie die Menschen, die sie bedienen. Ein gutes Profi-Team ist das A und O für ein optimales Ergebnis", setzte er hinzu und verweist auf das Team im Hintergrund: Wibke Jürgens (Tontechnik), Thomas Schäfer (Rigging/Tontechnik), Stefan Fraesdorf (Bühnenmeister/Tontechnik) und Jan Nothnagel (Azubi).

Text: Stefanie Waszerka

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