Von Ligaturen, Tironischen Noten und karolingischen Minuskeln – wie das Et-Zeichen entstand

Am Anfang stand das Wort: und. Oder vielmehr dessen lateinischer Ursprung: ET. Und ein Problem, das uns heute noch umtreibt: alles muss schnell gehen, noch schneller. Auch beim Schreiben. Aber die typische Handschrift in der frührömischen Epoche war eine Kursivschrift in Großbuchstaben. Damit das Schreiben – im wahrsten Sinne des Wortes – schneller von der Hand ging, wurden zwei oder mehrere Buchstaben zu einer Einheit verbunden, was Typographen (auch ohne großes Latinum) heute Ligatur nennen. 

 

Als eines der ersten Beispiele der Verschmelzung von E und T gilt ein Stück Papyrus aus der Zeit um 45 n. Chr.; ein Weiteres ist ein Graffito aus Pompeji aus dem Jahr 79 n. Chr.. Ein echter Spezialist für schnelles Schreiben war Marcus Tullius Tiro. Der Privatsekretär Ciceros hatte die Reden des Römers mitzuschreiben und entwickelte hierzu ein eigenes Kurzschriftsystem, das alsbald zum Bestandteil der Schreibausbildung in der Antike wurde. Schon Tiros System, das seit dem 16. Jahrhundert als Tironische Noten bezeichnet wird, hatte eine Glyphe für et – ein nach links unten geöffneter rechter Winkel. Mit dem heutigen Et-Zeichen hatte sie zwar rein optisch noch nicht viel gemein, im Gälischen wird der Graph allerdings bis heute verwendet.

 

Erst spätere Dokumente zeigen eine weniger formale Kursivschrift aus römischen Kleinbuchstaben, aus der sich die heutige Schreibschrift entwickelte. Das et wird in den folgenden Jahrhunderten dabei immer häufiger verwendet – wobei das geschwungene E in der Mitte durch eine horizontale Linie fließend mit dem T verbunden ist. Als zu Beginn des 9. Jahrhunderts im Auftrag Karls des Großen in den Schreibzentren des Karolingerreiches eine einheitliche Buch- und Verwaltungsschrift geschaffen wurde, hatte sich die Ligatur des et als Ersatz für das und bereits durchgesetzt – und erhielt in dieser Handschrift eine rundere Form, die dem heute üblichen & schon recht nahe ist. Später entwickelten sich aus diesen karolingischen Minuskeln die gotische und humanistische Minuskel – letztere prägte das & in seiner jetzigen Form schließlich.

 

Heute gehört das Zeichen & zum Design jeder neuen Schriftart und hat in jedem lateinischen Zeichensatz seinen festen Platz, schrieb der Typograph Max Caflisch. Der Kalligraf Jan Tschichold widmete ihm ein eigenes Werk, das mit dem bezeichnenden Titel „Formenwandlungen des Et-Zeichens“ die lange Geschichte des & nachzeichnet; Tschichold befand, dass e und t „eine besonders innige Buchstabenverschmelzung“ zum & eingehen.

 

Im Deutschen übrigens gibt es für das Wort „und“ bis heute keine Abkürzung (bis auf ein auslassendes „u.“); in der Rechtschreibung darf das & nämlich nur in Firmenbezeichnungen wie Neumann&Müller angewendet werden, worauf gerade der Duden pocht. Deshalb wohl heißt das & auch Kaufmanns-Und oder Firmen-Und – was zugegeben wenig sexy klingt.

 

Da haben es die Briten übrigens besser: im Englischen wird das & als Ampersand bezeichnet. Als das Et-Zeichen nämlich im Schreibgebrauch derart geläufig wurde, fand es im 19. Jahrhundert seine Aufnahme als 27. Buchstabe des englischen Alphabets. Beim Aufsagen musste zur besseren Verständlichkeit (und um Buchstaben zu verdeutlichen, die neben Lauten auch Wörter bezeichneten) das lateinische „per se“ („für sich“) vorangestellt werden. So hieß es zum Beispiel „per se A“ oder „per se I“– und am Schluss des Alphabets folglich „and per se and“. Und weil der Mensch auch beim Sprechen zur Vereinfachung neigt, ging die Schöpfung Ampersand in den Sprachgebrauch ein – eine phonetische Ligatur, könnte man also sagen. Immerhin besser als Kaufmanns-Und...

 

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