20 Jahre Deutsche Einheit

Teil des offiziellen Programms zum 20. Tag der Deutschen Einheit war eine Feierstunde vor dem Reichstagsgebäude in Berlin – ein besonderer Event, der viele Baumeister der Wiedervereinigung erneut an historischer Stätte zusammenbrachte.

Quelle: eventpartner 5/2010 Oktober/November

Vor 20 Jahren wurde in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober vor dem Reichstagsgebäude die Wiedervereinigung Deutschlands offiziell vollzogen. Millionen Menschen feierten seinerzeit ausgelassen auf den Straßen, und selbst wenn sich die Euphorie über den Zusammenschluss innerhalb der vergangenen beiden Dekaden merklich abgekühlt hat, empfinden zahllose Deutsche den 3. Oktober immer noch als ganz besonderen Tag.

„Blühe, deutsches Vaterland!“

Anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums fand am 3. Oktober 2010 die zentrale Einheitsfeier zwar in Bremen statt, doch Berlin als Hauptstadt und historischer Ort der Ereignisse blieb nicht außen vor: Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte zu einer Feierstunde vor die Westseite des Reichtagsgebäudes geladen, und die politische Führungsriege war seinem Ruf gefolgt. Unter den Gästen befanden sich neben Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auch Prof. Dr. Andreas Voßkuhle (Präsident des Bundesverfassungsgerichts) sowie die ehemaligen Bundespräsidenten Dr. Richard von Weizsäcker und Walter Scheel, die frühere Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth, die letzte Präsidentin der DDR-Volkskammer (Dr. Sabine Bergmann- Pohl), der letzte Ministerpräsident der DDR (Lothar de Maizière), der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und der ehemalige Bundesminister Rudolf Seiters. Zahlreiche aktuelle Mitglieder des Bundeskabinetts waren ebenfalls anwesend; lediglich der wegen Krankheit verhinderte Wolfgang Schäuble wurde im Teilnehmerreigen vermisst. Helmut Kohl, der als „Kanzler der Einheit“ Geschichte geschrieben hat, wohnte der Veranstaltung bei und wurde von den Anwesenden mit stehenden Ovationen bedacht. Bundestagspräsident Lammert (CDU) betonte in seiner Rede, dass sich die deutsche Einheit mit niemandem so stark wie mit Helmut Kohl verbinde und würdigte die „historische Leistung“ des Elder Statesman – die Glückwünsche sowie einen Blumenstrauß nahm der im Rollstuhl sitzende 80-Jährige sichtlich gerührt entgegen.

Lammert hob in seiner Ansprache die Symbolkraft des Reichstagsgebäudes her - vor: „Heute vor 20 Jahren um Mitternacht wurde an gleicher Stelle die Bundesflagge zum ersten Mal aufgezogen, um die deutsche Einheit zu feiern. Auch bei selbstkritischer Betrachtung der 20 Jahre seit dem 3. Oktober 1990 haben wir alle miteinander Anlass zu stillem Stolz und lautem Dank.“ Der Bundestagspräsident schloss mit den Worten: „Glücklichere Zeiten als heute hatten wir Deutsche nie. Im dankbaren Rückblick und der Zukunft zugewandt rufe ich: Blüh’ im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland!“

Direktmandat

Anlässlich der Veranstaltung vor dem Reichstagsgebäude war ein Pitch für das technische Gesamtkonzept angesetzt worden, den Neumann&Müller Veranstaltungstechnik für sich entscheiden konnte; Teil der zugehörigen Präsentation waren aufwändige 3D-Visualisierungen, deren Inhalte sich zu weiten Teilen in der späteren Umsetzung wiederfanden. Die Vorbereitungszeit für den Event betrug weniger als einen Monat; direkter Ansprechpartner für Neumann&Müller war im Bundestag das Referat für Sonderprojekte. Das Team von Neumann&Müller war mit zahlreichen Aufgaben neben der Veranstaltungstechnik betraut: „Von der Absicherung der Baustelle über das Verlegen des 1.600 qm großen Schwerlast - bodens bis zur Organisation des Caterings lief alles über unseren Schreibtisch“, verriet Sebastian Schreiber, der gemeinsam mit Jörg Bernhardt für N&M als Projektleiter tätig wurde. „Auch das Mediendesign samt den damit verbundenen redaktionellen Arbeiten lag in unserer Hand.“

Location mit Besonderheiten

Das Areal vor dem Reichstagsgebäude ist aufgrund seiner exponierten Bedeutung und der damit verbundenen Besonderheiten sicher nicht die erste Wahl als Location für eine Veranstaltung – als Kulisse für einen Event zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit kann man sich jedoch schwerlich einen besseren Ort als den Platz der Republik vorstellen.

Erwartungsgemäß waren im Vorfeld der Veranstaltung umfangreiche Abstimmungen mit ganz un - terschiedlichen Behörden, vom Grünflächenamt bis zur Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, erforderlich. Resultat war ein Maßnahmenkatalog, der auch das leidige Thema Lärmemission enthielt – dass eine derartige Veranstaltung streng an gesetzliche Vorgaben gebunden ist, liegt auf der Hand, zumal die Einhaltung der Bestimmungen durch ein unabhängiges Akustik - büro kontrolliert wurde. Entfluchtung, Brandschutz und Rettungskonzept waren ebenfalls wichtige Themen, und außerdem musste eine Koordination mit einem parallel am Brandenburger Tor und auf der Straße des 17. Juni stattfindenden Bürgerfest (Wohlthat Entertainment GmbH) erfolgen.

Aufgrund der anwesenden Politprominenz un terlag die Veranstaltung am Reichstags - gebäude der höchs ten Sicherheitsstufe. Die „Polizei beim Deutschen Bundestag“ (Polizei DBT) übernahm am Veranstaltungstag ab 14 Uhr Verantwortung, und Beamte in Uniform wie in Zivil waren omnipräsent. Die Rampe vor der Westseite des Reichstagsgebäudes wurde ab dem frühen Nachmittag gesperrt, zumal hier das Feuerwerk für den späteren Abend aufgebaut wurde. Das kurze Explosivspektakel inszenierte die lunatX Special Effects GmbH; das Unternehmen aus Düsseldorf konnte auf Erfahrungen mit der Ausrichtung eines Feuerwerks an gleicher Stelle verweisen.

Von der Veranstaltung berichtete das Zweite Deutsche Fernsehen im Rahmen eines „ZDF spezial“ zwischen 19:10 Uhr und 19:30 Uhr. Entsprechend umfangreich war der Sender mit Personal und Technik in Berlin vertreten und lieferte u. a. auch einen Videofeed zum Brandenburger Tor, der auf dort installierten LED-Wänden gezeigt wurde.

Politiker & Bürger

Für die geladenen Politiker waren zwei überdachte VIP-Tribünen mit einer Kapazität von jeweils 250 Personen errichtet worden. Eine Sitzordnung war hier lediglich für die ersten sechs Reihen einer der beiden Tribünen protokollarisch festgelegt; ansons - ten hatten die Gäste eine Zutrittsberechtigung für ein definiertes Areal erhalten und konnten ihre Sitzplätze dort frei wählen. Die Fläche unmittelbar vor der Bühne war für 1.036 Personen bestuhlt worden – Einladungen waren im Vorfeld an rund 3.000 Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung verschickt worden; die einzelnen Flächen wurden durch schwarz-rot-goldene Abspannungen markiert.

Teil des Veranstaltungskonzeptes war ein öffentlicher Bereich, zu dem interessierte Bürger Zutritt hatten und der sich auf der Grünfläche zwischen Scheidemannstraße und Paul-Löbe-Allee bis zur rund 300 Meter entfernten Yitzhak-Rabin- Straße erstreckte. Zwei Videowalls nahe der VIP-Tribünen sorgten dafür, dass entfernt stehende Gäste das Geschehen gut mitverfolgen konnten; der Ton wurde über zwei Delay-Lines (nahe der Videowalls sowie an Prolyte Tiptowern mitten im Gelände) übertragen. Um den Zuschauern zumindest ausschnittsweise einen direkten Blick auf das eigentliche Geschehen zu ermöglichen, präsentierte sich der mit vier Ebenen ausgestattete FOH-Tower bei einer Grundfläche von 3 x 4 Meter überraschend schlank; statt in die Breite hatte man 12 Meter in die Höhe gebaut. Stabilisiert wurde die ungewöhnliche Konstruktion mit 22 Tonnen Ballast. Als Gesamtdienstleister für alle temporären Bauten hatte N&M die Firma Nüssli verpflichtet.  

Mit dem Aufbau für die Veranstaltung wurde am 24. September begonnen, wobei die Arbeiten wegen des Berlin-Marathons, der Start und Ziel auf dem Gelände vor dem Reichstag hatte, für zwei Tage unterbrochen werden mussten. Ton, Licht und Video wurden nach Fertigstellung der Infrastruktur ab dem 29. September installiert. In Summe kamen für die Veranstaltung 30 Trailer mit Material zum Einsatz; die Leitung oblag der Berliner N&M-Niederlassung.

Technik

Als Szenenfläche hatte man sich für eine 20 Meter breite und 10,50 Meter hohe Rundbogenbühne entschieden, die erwartungsgemäß mit einer transparenten Bespannung versehen war – es wäre ungeschickt gewesen, die Sicht auf das historische Reichstagsgebäude durch schwarzen Stoff zu unterbinden. Darüber hinaus hätte Letzteres auch die abendliche Projektion (s. u.) behindert.

Rechts und links der Bühne wurden Line- Arrays aus der J-Serie von d&b audiotechnik geflogen, die durch jeweils sechs dahinter aufgehängte Subbässe des Typs J-SUB bei der Wiedergabe tiefer Frequenzen unterstützt wurden. Teil des Setups waren zwei outdoor-taugliche LED-Wände mit einem Pixelpitch von 12 mm und Flächen von jeweils 35 qm. Event-erfahrenen Betrachtern sprang der relativ großzügige Treppenanbau vor der Bühne ins Auge, der während der Veranstaltung für Auftritte von Chor und Ballettschule genutzt wurde. Im Bühnendach waren rund 60 Moving Lights (VL3000, Studio Beam PC) montiert, und über das gesamte Gelände verteilte sich eine Vielzahl von ZAP BigLights, die zu vorgerückter Stunde dramatische „Lichtfinger“ in den dunklen Himmel ausstreckten.

Technisches Highlight der Veranstaltung war eine vollflächige Projektion auf die Westseite des Reichstagsgebäudes, welche die Ereignisse rund um den Mauerfall zum Thema hatte – ein zumindest in dieser Dimension erstmalig realisiertes Vorhaben. Zum Einsatz kamen insgesamt zwölf Projektoren in Doppeltandem - anordnung, wobei die „ganz dicken Brummer“ (Barco XLM HD30 mit Lichtleistungen von jeweils 30.000 ANSILumen) als Viererpakete die Seitenflügel des Gebäudes bespielten. Angesteuert wurde das Beamer-Ensemble über ein Dataton Watchout-System; das Mediendesign oblag N&M-Mitarbeiter Klaus Ostermayer (Leitung N&M-Studio München, Full Service Medienproduktion), der bis kurz vor Beginn der Veranstaltung mit letzten Optimierungen beschäftigt war. Martin Sambauer zeichnete für die Redak tion verantwortlich und war im Vorfeld für die Medienrecherche zuständig; die Abnahme des Materials durch den Bundestag erfolgte erst am Donnerstagabend, so dass dem Technikteam ledig lich drei Nächte zur technischen Anpassung der Inhalte an die lokalen Gegebenheiten blieben.

Nach Einbruch der Dunkelheit untermalten auf die Gebäudefassade projizierte Moods das Bühnengeschehen, wobei Architekturdetails mitunter sehr reizvoll durch das Projektionslicht herausgestellt wurden und das traditionsreiche Haus im wahrsten Sinn der Metapher in ein neues Licht rückten. Vorbereitung und korrekte Einrichtung der Projektion dürften eine nicht ganz triviale Aufgabe gewesen sein: „Für jedes Fenster, für jede Säule und für jeden Erker hatten wir einzelne Animationen vorbereitet, die in den Nächten vor der Veranstaltung an das Gebäude angepasst werden mussten“, erklärte Klaus Ostermayer. 

Nach Abschluss des offiziellen Programms um 19.30 Uhr wurde eine vorproduzierte 15- minütige Collage aus Filmen, Standbildern, Animationen und Ton zur Geschichte der Berliner Mauer gezeigt, die vier Mal bis 20.30 Uhr wiederholt wurde, um den vom nahe gelegenen Volksfest eintreffenden Besucherstrom zu entzerren. Das Schauspiel ließ sich am vorteilhaftesten in einigem Abstand zum Reichstagsgebäude verfolgen – wer auf der öffentlich zugänglichen Rasenfläche stand, hatte seine Freude an der beeindruckenden Gesamtwirkung der lebendig wirkenden Komposition aus stimmungsvoller Projektion und erklärenden Videoscreens.

Programm

Das Veranstaltungsprogramm wurde vom Referat für Sonderprojekte zusammengestellt, wobei die Dramaturgie in den Händen von Wolf Kühnelt (Kulturprojekte Berlin GmbH) lag. Die Hauptveranstaltungszeit war in der blauen Stunde zwischen 18.30 Uhr und 19.30 Uhr anberaumt worden, was überzeugende Fernsehbilder in Aussicht stellte. Am Veranstaltungstag zeigte sich das Wetter erfreulicherweise von seiner besten Seite und bescherte dem Event tagsüber strahlenden Sonnenschein sowie passend zum Absprung von mit einer Deutschlandflagge bewehrten Fallschirmjägern einen stimmungsvollen Sonnenuntergang. Ein Get-together fand nicht statt; allerdings wurden geladene Gäste nach dem Ende der Openair-Veranstaltung gegen 19.30 Uhr noch zu einem Empfang in den Bundestag gebeten.

Im Vorprogramm waren auf den Videoscreens ab 17.30 Uhr mehrere zum Thema des Tages passende Einspielungen des RBB zu sehen; in den Pausen zwischen den Beiträgen wurde das Veranstaltungsprogramm angezeigt. Während des Events wurden die Bildwände vorrangig mit dem Cleanfeed-Signal des ZDF bespielt. Als optische Untermalung zur Nationalhymne wehte auf den Screens eine digitale Deutschlandflagge; das abschließende Feuerwerk wurde von der Europahymne und der azurblauen Europafahne mit ihren zwölf goldenen Sternen begleitet. Insgesamt präsentierte sich das Bühnenprogramm ausgewogen und gefällig: Die Deutsche Chorjugend intonierte „Die Gedanken sind frei, die STÜBAphil Harmonie spielte den Prolog aus der „Metropolis Suite Nr. 1" und die Staatliche Ballettschule Berlin tanzte unerwartet zu orientalisch inspirierten Klängen. Zu gefallen wusste auch Clueso: Die Band um Sänger/Songwriter Thomas Hübner interpretierte unterstützt von der STÜBAphilharmonie ihren Hitsong „Gewinner“. Durch das Programm führte Moderatorin Birgit Klaus vom Südwestrundfunk.

Hauch der Geschichte

Als Gast darf man alle Verantwortlichen und Beteiligten zu der gelungenen Veranstaltung vor dem Berliner Reichstagsgebäude beglückwünschen. Technisch lief trotz der kurzen Vorbereitungszeit alles wie am Schnürchen, und inhaltlich wurde erfreulicherweise auf den ganz tiefen Griff in die Pathos-Schublade verzichtet. Der vielleicht ergreifendste Moment stand dabei nicht explizit in der Regieanweisung: Das in Großaufnahme auf den Videoscreens zu sehende Antlitz des sichtlich gealterten und von der Feier ergriffenen Helmut Kohl ließ niemanden unberührt – der Hauch der Geschichte und der mit ihr verwobenen Individualschicksale wehte vor historischer Kulisse in diesem Moment spürbar über den Platz.

Text: Jörg Küster
Fotos: Ralph Larmann, Jörg Küster