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voestalpine Klangwolke 2014: „Die Donau lebt!“

90.000 Besucher wohnten am 6. September im Linzer Donaupark der Klangwolke 2014 bei. Erstmals zeichnete Neumann&Müller für die licht- und tontechnische Ausstattung der Open-Air-Großveranstaltung verantwortlich.

Quelle: Production Partner 11/2014

Von der Stahlstadt zur Kulturmetropole: Linz ist nicht mehr nur als oberösterreichische Landeshauptstadt und Sitz der voestalpine AG bekannt, sondern erfreut sich internationaler Anerkennung als Austragungsort des Brucknerfestes, des Ars-Electronica-Festivals und der Klangwolke. Im aktuellen Jahr brachte Letztere keinen Regen, sondern begeisterte gemäß ihres Namens rund 90.000 Gäste mit wohligen Klangschauern der etwas anderen Art. "Die Klangwolke zeigt als kostenloses hochwertiges Kulturangebot die Vielfalt der Lebensstadt Linz", so Bürgermeister Klaus Luger. Die Open-Air-Großveranstaltung stand unter dem Motto "Die Donau lebt!": Der zweitlängste Fluss Europas wurde in einer emotionalen Inszenierung als verbindendes Band zwischen den zehn Anrainerstaaten zelebriert, wobei der aktuelle Konflikt am Schwarzen Meer, in welches die Donau bekanntlich mündet, nicht ausgeklammert wurde.

Sound für die Klangwolke

Erstmals wurde Neumann&Müller für die Klangwolke aktiv. Die Veranstaltungstechnikspezialisten der Dresdner N&M-Niederlassung kümmerten sich um Licht- und Tontechnik sowie Rigging und Logistik auf dem großräumigen Veranstaltungsgelände. Verantwortung übernahmen Oliver Paulitz als Produktionsleiter sowie Omar Samhoun als Projektleiter für den Tonbereich.

Im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahren wurde auf eine Beschallung mit zahlreichen, entlang des Ufers verteilten Lautsprechertürmen verzichtet. Stattdessen kam ein Konzept zum Einsatz, bei dem der elektroakustisch erzeugte Sound die Zuhörer vom Brucknerhaus kommend erreichte und bei dem auf dem Fluss vorbeifahrende Schiffe zusätzlich als mobile, mit Lautsprechern bestückte Schallquellen dienten.

Sowohl die Lautsprecher als auch die Verstärker entstammten dem Portfolio von d&b audiotechnik. Dank einer Simulation, die mithilfe der d&b Planungssoftware ArrayCalc gerechnet wurde, konnte sich Omar Samhoun vorab einen Eindruck von den notwendigen Lautsprecheraufbauten verschaffen - immerhin galt es, einen Uferstreifen von 400 Meter Länge bei guter Sprachverständlichkeit abzudecken.

Das Beschallungskonzept umfasste unterschiedliche Lautsprechertypen, die an verteilten Positionen verschiedene Publikumsbereiche versorgten. Weithin sichtbar waren Arrays, die an Towern geflogen wurden und aus Modellen der bekannten d&b-Serien T, V und J zusammengesetzt waren. Passend dazu standen auf dem Boden zahlreiche Subbässe der d&b V-Reihe. Entlang der 400 m langen Uferpromenade hatten die N&M-Techniker insgesamt 40 J-SUB verteilt, die in Intervallen von 10 m flach auf dem wassernahen Grünstreifen lagen. Als Verstärker kamen bewährte D12 Modelle zum Zuge, welche sich auf mehrere Amp-Citys verteilten. Vereinzelt waren in den 19"-Racks auch D80 Vierkanalverstärker zu entdecken.

Der akustische Nullpunkt der Installation befand sich am FOH-Platz mittig vor der zum Ufer zeigenden Fassade des Brucknerhauses. Die erforderlichen Zeitverzögerungen wurden mithilfe der in die d&b Verstärker integrierten DSP-Module realisiert. Einstellungen konnten unter Einsatz der d&b ROPE C Fernsteuer-Software (samt R70 Ethernet auf CAN Interface) vorgenommen und kontrolliert werden. Eine Simulation wurde im Vorfeld der Veranstaltung mit ArrayCalc erstellt.

"Ich kann mich an keine Veranstaltung erinnern, bei der ich schon einmal so viel Material von d&b audiotechnik im Einsatz hatte", sagte Omar Samhoun in Linz. "Die Sprachwiedergabe soll nicht nur laut und verständlich sein, sondern darüber hinaus auch gut klingen - immerhin trägt die Veranstaltung den Namen Klangwolke!" Mit dem Aufbau wurde dienstags und somit vier Tage vor dem Event begonnen.

Redun-Dante Verkabelung

Um auf den außergewöhnlich langen Strecken keine Signalbeeinträchtigungen zu riskieren, hatten sich die N&M-Fachkräfte für den Einsatz von Glasfaserkabeln entschieden. Protokoll der Wahl für den Transport der digitalen Audiosignale war Dante von Audinate: Ein mit einer entsprechenden Karte bestücktes Yamaha CL5-Digitalpult lieferte die Ausgangssignale, welche in einem Switch in optische Signale für den Transport per Lichtwellenleiter umgesetzt wurden. "Mit Dante gibt es im praktischen Einsatz überhaupt keine Probleme!", stellte Omar Samhoun beim Blick auf die Installation am Linzer Donauufer zufrieden fest. In den Amp-Citys wurden eingehende Signale mithilfe mehrkanaliger Yamaha D/A-Wandler (Ro8-D) auf die analoge Ebene gebracht und den Verstärkereingängen zugeführt.

Selbstverständlich hatten die Veranstaltungstechnikprofis für einen redundanten Aufbau gesorgt - wären ein Glasfaserkabel oder ein Switch ausgefallen, hätten die Konterparts alle notwendigen Funktionen übernommen. Da die Verkabelung außerhalb der für das Publikum zugänglichen Bereiche verlegt war, mussten keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden; lediglich die vom FOH-Platz zum Ufer führenden Kabel wurden sicherheitshalber im Erdreich vergraben.

Schiffsfunk

Die Komplexität des ohnehin umfangreichen Beschallungsaufbaus wurde durch abends am Ufer vorbeifahrende Schiffe weiter gesteigert: Jedes der farbenfroh illuminierten Boote transportierte eine Musikformation, welche das Publikum mit Klängen aus den Anrainerstaaten der Donau begeisterte.

Die Musik wurde über auf den Schiffen installierte J-Arrays von d&b audiotechnik in Richtung Ufer abgestrahlt. Zum Einsatz kamen aus acht J8 (alternativ: zwei J12 unten und sechs J8 oben) zusammengesetzte Boxen-Stacks - wenn ein Schiff das Publikum sowohl flussaufwärts als auch flussabwärts passieren sollte, waren Achter-Stacks backbord und steuerbord aufgestellt. Die Umschaltung übernahm passend zur Fahrtrichtung ein mitreisender Techniker. Als Verstärker trieben bis zu vier D12 die schwimmenden Sound-Plattformen an. Eine Besonderheit war ein gemächlich über die Donau schipperndes XXL-Grammophon, welches das Schiffsballett ankündigte: Zu vernehmen war ein Walzer, selbstverständlich mit den für das betagte Medium typischen Knacksern und Frequenzgangbeschränkungen.

Um eine Signalübertragung zu den fahrenden Schiffen zu ermöglichen, hatten die N&M-Techniker auf dem Dach des Brucknerhauses eine Rundstrahlantenne aufgebaut. Gesendet wurde über einen HF-Booster mit einer Leistung von 25 Watt; die erforderliche Betriebsgenehmigung wurde im Vorfeld eingeholt. Das Sendesignal lieferten mehrere Shure UHF-Transmitter, deren Signale auf den Schiffen mittels geeigneter Receiver über aktive Antennen empfangen wurden. Jedes beteiligte Schiff konnte auf einer eigenen Funkfrequenz adressiert werden.

Im Finale wurden die Lautsprecher der einzelnen Schiffe zu einer großen Beschallungsanlage verschaltet und durch die am Ufer liegenden Bässe ergänzt. Einstellung und Einpegelung der Gesamtanlage mussten wegen der stark begrenzten Zeit sowie der erforderlichen Vollsperrung der Donau am Vorabend des Events erfolgen - in einer einzigen Durchlaufprobe in knapp 15 Minuten! Eine zusätzliche Herausforderung war der Umstand, dass sich die Standorte der einzelnen Lautsprecher-Stacks bedingt durch die Bewegung der schwimmenden Schiffe ständig leicht veränderten.

Für einen spektakulären Effekt sorgten zwei Hubschrauber, die vor dem großen Finale unerwartet am Himmel auftauchten. Die auf natürliche Weise entstehenden Geräusche wurden durch Sounds rotierender Rotorblätter aus der Beschallungsanlage ergänzt. Die zahlreichen Subwoofer stellten ihre Leistungsfähigkeit bei dieser Gelegenheit eindrucksvoll unter Beweis, und für spektakuläre Panoramaeffekte sorgte ein TiMax2 SoundHub-Prozessor mit Dante-Karte, der von einem N&M-Techniker passend zum Luftgeschehen bedient wurde.

Nach Ende des Feuerwerks legten drei Schiffe an weit voneinander entfernten Positionen entlang der Donaupromenade an, und die an Bord befindlichen Musiker wussten ihre Fertigkeiten gekonnt unter Beweis zu stellen. Die "Aftershow-Party" dauerte eine Stunde und zog vor allem jüngere Event-Besucher in ihren Bann.

Tanzt!

Bei der Klangwolke 2014 setzte Regisseur Tom Roeder nicht auf ein lautes Spektakel, sondern stattdessen auf eine poetische Donaureise mit zündendem Schluss. Kurz nach 20:30 Uhr ertönten Nebelhörner, das Brucknerhaus verwandelte sich in einen Leuchtturm, und die Donau wurde mit zahlreichen SGM P5 LED-Flutern in blaues Licht getaucht. Otto Schenks sonore Stimme erzählte vom Leben am Fluss, dem fahrenden Volk und der großen Liebe. Die mystischen Frauenstimmen des bulgarischen Eva Quartets zogen ebenso auf dem Wasser vorbei wie das von Mundart-Rap begleitete voestalpine-Blasorchester und weitere Musikformationen. Zum Finale ertönte der Donauwalzer in vielerlei Varianten, und ein Großfeuerwerk erhellte den Nachthimmel.

Einhundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs und 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verschrieb sich die Linzer Klangwolke der Völkerverständigung. "Tanzt!" forderte Otto Schenks Stimme auf, und diesem Appell wurde nach Ende des Feuerwerks gerne Folge geleistet: zu klassischen Klängen des Balanescu Quartets, den Balkan-Beats von DJ Robert Soko und dem wilden Karpaten-Rock der ukrainischen Formation Haydamaky, die kurz zuvor einen Auftritt für Soldaten ihres Landes absolviert hatten - am Vorabend von deren Versetzung an die Front.

Text & Fotos: Jörg Küster