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Sorbas in Schwerin

Dresden

Peter Dehler inszeniert im Rahmen der Schweriner Schlossfestspiele das Musical „Sorbas“. Technischer Clou: ein 28 x 7 m großer LED-Vorhang. Produktionsleiter Jörg Bernhardt von Neumann&Müller stand pma Rede und Antwort. (aus: pma 7/09)

Die Schlossfestspiele in Schwerin sind nach über einem Jahrzehnt mittlerweile nicht nur traditionsreicher Teil der regionalen Kulturlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns.Sie zählen vor allem durch ihre Einbettung ins Areal des Schweriner Schlosses sicher zu den attraktivsten Openair-Events Deutschlands: Welche Theater-Produktion der Bundesrepublik kann schon ein derart märchenhaftes Backdrop wie diese ehemalige Residenz der mecklenburgischen Herzöge vorweisen? Anfangs noch im Innenhof des Schlosses ausgerichtet, finden die Festspiele heute etwas weiter vor dem eindrucksvollen Prachtbau statt. Die Szenerie bleibt unverringert spektakulär: Das Schweriner Schloss thront Erfurcht gebietend hinter der Festspiel-Bühne.

In diesem Jahr entschieden sich die Verantwortlichen für ein ganz besonderes technisches Feature: Das technische Herzstück des in diesem Sommer erstmals aufgeführten Musicals „Sorbas“ ist eine 28 x 7 m große curveLEDWand. Jörg Bernhardt, Produktionsleiter bei Neumann & Müller (Geschäftsleitung Dresden), erläutert pma dieses durchaus gewagte Unternehmen: „Das Material, das hier zum Einsatz kommt, wird typischerweise im Indoor-Showbiz benutzt, und ist vom Hersteller tennagels für diese Produktion outdoor-tauglich gemacht worden. Die knapp 7m langen Polycarbonat-Tubes mit SMD-LED im 4cm-Abstand sind aus drei Stangen zusammengesteckt. In jeder Tube sind 12 Platinen miteinander seriell verbunden. Bedingt durch diese Konstruktion ist ein guter Kontakt an allen Steckstellen enorm wichtig. Indoor macht das grundsätzlich gar keine Probleme. Open Air hat man aber natürlich mit dem Wind und auch mit Feuchtigkeit zu kämpfen. Bei Inbetriebnahme der Wand gab es anfangs partielle Aussetzer, die auf solche Kontaktprobleme zurückzuführen waren. In der neuen auf der diesjährigen Prolight und Sound vorgestellten CurveLED-Generation sind solche Aspekte bereits berücksichtigt worden.

Schnittstelle und Technik

Durch die Wetterbedingungen vor Ort (Windstärke bis zu 6), kommt es zeitweise zu Verformungen des Materials. Das besagte technische Prinzip der seriellen Datenübertragung bedingt so die gelegentlichen Aussetzer. Sobald die LED-Stangen sich im Wind biegen, treten mit unter Fehlsignale auf. Das Problem konnte im Laufe der Aufbautage allerdings von tennagels und Neumann&Müller behoben werden. Darum kam auch keine Hektik am Abend der Generalprobe auf: "Wir sind recht froh", sagte Bernhardt "dass die Wand nun allen Anforderungen entspricht. Wenn es doch noch Ausfälle geben sollte, arbeiten wir glücklicherweise mit einem hotplug-fähigen System. Man kann also sehr einfach und schnell defekte Stangen lokalisieren un tauschen."

„Sorbas“ ist nicht die erste Produktion der Schlossfestspiele in diesem Jahr. Zuvor inszenierte Regisseur Arturo Gama „Die Zauberflöte“. Die curveLED-Wand wird jedoch nur für die „Sorbas“-Produktion verwendet. Beim fast nahtlosen Übergang beider Aufführungen blieb der Neumann-&-Müller-Crew nur wenig Zeit, das Zusammenspiel von LED-Wand und Licht zu testen. „Wir mussten zunächst den Video-Content an die Wand anpassen“, sagt Bernhardt. „Die Wand ist sehr hell, so dass die Gefahr besteht, die Szene zu überstrahlen. Eine Dimmung der Wand haben wir ausgeschlossen, weil dadurch die verfügbaren Helligkeitsabstufungen geringer werden. Mit ausreichend Licht "gegen" die Wand zu spielenwar in vielen Szenen nicht möglich, ohne die Stimmung zu beschädigen. Deshalb mussten wir großes Augenmerk auf geeigneten Content legen, der diese Probleme berücksichtigt." Bei den wenigen Stunden, die dem Team hierfür an den wenigen Probeabenden zur Verfügung stehen, ist dies ein nicht ganz leichtes Unterfangen. "Parallel müssen wir natürlich auch noch an anderen Dingen arbeiten. Wenn die Proben gegen Mitternacht zu Ende sind, wird bis etwa ein Uhr diskutiert und mögliche Änderungen besprochen. Dann hat man noch drei Stunden bis zur Dämmerung, um das Besprochene umzusetzen. Scheinwerfer umzurichten, umzuprogrammieren und Cues zu setzen."

Größte Herausforderung der „Sorbas“-Produktion blieb für Bernhardt und seine Crew jedoch die technische Umsetzung der LEDWand und des Video-Content-Finetunings: "Eine LED-Wand – egal welche – ist immer auf Leuchtkraft getrimmt“, sagt er. „Dadurch wird es schwer, zwischen schwarz und dunkelgrau zu unterscheiden. Das ist ein Bereich, indem die Wand mit ihren 128 Helligkeitsstufen fast in Schaltschritten arbeitet. 128 – das erscheint erstmal genügend. Wenn man aber im dunklen Bereich, so zwischen 0 und 20 Prozent arbeitet, bleiben nicht sehr viele mögliche Zustände übrig. Das ist systembedingt und muss bei der Erstellung des Contents berücksichtigt werden. So etwas braucht natürlich seine Zeit.“ Bernhardt, der mit Stephane Maeder am Video-Content arbeitete, erläutert die Schwierigkeit am Beispiel der für das Sorbas-Musical typischen Wolkenbilder, die sich durch die gesamte Show ziehen. Ein Gewitterhimmel, der auf dem Monitor noch bedrohlich wirkt, wird so auf der LED-Wand schenll zur Schönwetterfront. "Da muss man gezielt etwas unternehmen. Und das kann man eben nur während der Proben. Natürlich war uns dieses Problem im Vorhinein bewusst. Aber in dem Maße, in dem wir es hier zur Kenntnis nehmen mussten, hat es uns doch überrascht."

Im Zuge der Planung der „Sorbas“-Produktion hatte Regisseur Peter Dehler eigentlich die Verwendung einer herkömmlichen LED-Wand ins Auge gefasst. Diese sollte über die gesamte Spielfläche verlaufen, allerdings links und rechts davon den Blick aufs Schloss freigeben. Nun hätte eine solche Lösung mindestens zwei Probleme mit sich gebracht: Zum einen wäre die Neumann-&-Müller-Crew gezwungen gewesen, aufgrund der höheren Last einen für eine Musical-Produktion eher unschönen wesentlich mächtigeren Träger zu verwenden. Zum anderen hätte sich ein ästhetisch wenig erträglicher Kontrast zwischen Schlossdurchblick und, wie Bernhard sagt, „Rock-’n’-Roll-Wand“ ergeben. Der Produktionsleiter machte Dehler daher den Vorschlag, stattdessen auf besagte tennagels-Wand zu setzen, diese aber nicht als geschlossenen Vorhang, sondern vielmehr gestuft einzusetzen, also die Zahl der LED-Stangen von der Bühnenmitte bis zum Rand zu verringern. Gerade bei Tageslicht mutet diese Stufung gerade am äußersten Bühnenrand recht großzügig an. Als Außenstehender fragt man sich vor allem, wie die vereinzelten Pixel des LED-Vorhangs hier noch eine durchgängige Abbildung gewährleisten sollen. Im Rahmen der Generalprobe wird jedoch klar: Das Auge ist in der Lage, eine Art Autovervollständigung durchzuführen. Besonders deutlich wird dieser Effekt, wenn Bilder (etwa die Silhouette eines Schiffs) über die gesamte Wand wandern. Die LED-Lösung von tennagels ermöglicht also zwei Dinge gleichzeitig: Einerseits ist teilweise der Durchblick auf das Schloss gewährt. Andererseits verläuft der LED- Vorhang über die gesamte Breite der Spielfläche.

Als besondere persönliche Herausforderung der „Sorbas“-Produktion betrachtet Bernhardt seine Rolle als Schnittstelle zwischen Kunst und Technik: „Durch die direkte Zusammenarbeit mit dem Theater und das große Vertrauen, das man uns hier entgegenbringt, ist unsere Arbeit schon sehr mit dem künstlerischen Bereich verzahnt. Sowohl, was die LED-Wand angeht, als auch im Lichtbereich. Leider hat man im Veranstaltungsalltag oft nicht genügend Gelegenheit, sich auf so etwas intensiv einzulassen.“ Bernhard hatte insofern auch die Möglichkeit, sich hinsichtlich der Video-Dramaturgie einzubringen. Zunächst plante man, dem Publikum die Möglichkeiten der LED-Wand im Laufe des Musicals erst relativ spät zu enthüllen. Es war also angedacht, dass Publikum etwas länger im Unklaren über die eigentliche Funktion der Wand zu lassen. Dies erwies sich jedoch als dem Stück nicht angemessen. Was nicht heißt, das stattdessen über das gesamte Stück eine LED-Breitseite die andere jagt. Bernhardt sieht die heutzutage oft auftretende exzessive Nutzung der LED-Technik durchaus kritisch. Auch weil so etwas, wie er sagt, meist auf Kosten der Dramaturgie geht. „Wenn man sich zum Beispiel so eine LED-Schlacht wie beim Grand Prix d’ Eurovision anschaut: Da werden zweifelsohne absolut tolle Geschichten auf die Beine gestellt. Dort wird fast die gesamte LED-Technik aus Europa aufgebaut. Das ist natürlich für einen Techniker erst mal schon beeindruckend. Mich persönlich fesselt das aber höchstens fünf Minuten, dann wirkt es eher langweilig. Ich denke mittlerweile was eine Show betrifft auch immer mehr in Inhalten. Man wird mit der Zeit einfach sensibler, was dieses Thema betrifft."

Und tatsächlich: Die Umsetzung der Show erweist sich auf technischer wie auf dramaturgischer Ebene als geschmackvoll.

Sie lässt den Stars der Aufführung genügend Raum (Die Titelrolle des Alexis Sorbas übernimmt DEFA-Star und langjähriger Winnetou-Darsteller Gojko Mitic). Der Einsatz des LED-Vorhangs wirkt dezent, überrascht das Publikum aber auch immer wieder durch den einen oder anderen Effekt. Der Wechsel zwischen figurativen und abstrakten Elementen wirkt gut abgestimmt. Die einmalige Location der Show und das Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters tun ihr Übriges.

Text und Fotos: Florian Zapf