Von der Zauberflöte zum Sorbas in elf Stunden

Dresden

„Die Zauberflöte“ vor dem Hintergrund des Schlosses Bühnengestaltung mit barocken Elementen für große Auftritte, aber auch kleinen Inseln für intime Szenen. Das Orchester ist unter der Bühne platziert.

Die Schlossfestpiele Schwerin bestehen seit 1993, erst im Schlossinnenhof und seit 1999 auf dem „Alten Garten“. In diesem Jahr wurden erstmals zwei Produktionen geboten, um die sanierungsbedingte verlängerte Schließzeit des Hauses auszugleichen und gleichzeitig die erwarteten Besucherströme der BUGA zu nutzen. In enger Verzahnung von Kunst und Technik entstand auf dem Theatervorplatz zum zehnten Mal in Folge ein Open Air Theater für 2000 Personen. Bühnenbild und der „Innenraum“ konnten in kürzester Zeit von Klassik auf Musical umgestaltet werden. Dazu sprachen wir mit Olaf Grambow (Bühnenbild) und Peter Meißner (Technische Leitung).

Flexible Bühnenbilder und ein Theaterraum für die Schlossfestspiele Schwerin

Die Veranstaltungen finden jeweils in einem eigens dafür entworfenen und gebauten Open Air Theater statt, das auf dem Platz ‚Alter Garten“ aufgebaut wird. Der Platz wird vom Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin und dem staatlichen Museum Schwerin eingerahmt. Die dort entlang führende Straße wird bei den Vorstellungen gesperrt. Bisher bestand die Spielstätte im Wesentlichen aus einer Zuschauertribüne mit gegenüberliegender Bühne in unterschiedlicher Ausrichtung.

Der Theaterraum

Das „Theater“ wurde jetzt von einer Sockelfläche (ca. 3 m hoch) und Ecktürmen (ca. 12 m hoch) begrenzt. Die Arena entwickelten der Regisseur von „Sorbas“ und Schauspieldirektor, Peter Dehler, Peter Meißner und Olaf Grambow gemeinsam. Olaf Grambow wollte einen möglichst quadratischen Arenaraum mit klarer Struktur haben. Weiterhin sollte die Technik in den Raum integriert werden. Sichtproben wurden gemacht, mit den Höhenmaßen wurde gerechnet. Der „Raum“ sollte auf das Schloss ausgerichtet und das Rastermaß des Gerüstbaus enthalten. In einem abgegrenzten Raum haben die Zuschauer stärker das Gefühl, im Theater zu sitzen, und unter praktischen Gesichtspunkten bot dieser Raum mit hoher Konzentration für Zuschauer und Darsteller große Vorteile. Diese konnten beispielsweise an der Szenenfläche unbemerkt abtreten. Die Spielfläche auf dem Alten Garten wurde mit einer ca. 10 cm starken Asphaltdecke belegt, Dies war nach Auskunft von Peter Meißner die praktischste und kostengünstigste Lösung, die zudem noch nachhaltig ist: Der Asphalt kann wieder entfernt und neu verwendet werden.

Die Lichttürme waren als feste Einbauten von vorn herein vorgesehen. Zwischen Kunst und Technik gab es eine klare Abgrenzung. Oberhalb von 10 m wurde die Technik eingebaut. Durch die schaliharten Oberflächen konnte, so berichten die Beiden, eine gute Akustik erreicht werden.,, Wir haben von Anfang an die Firma Neumann & Müller Veranstaltungstechnik GmbH, Filiale Dresden ins Boot geholt, um Ton und Beleuchtung frühzeitig zu integrieren“. Der Bau war ein Novum in Schwerin. Außen mit einem Rostanstrich versehen, polarisierte dieser Bau die Schweriner und die Besucher der Stadt. Der Rostanstrich war Bestandteil des Kunstwerks „Zeitenfries hinterm Eisernen Vorhang“ des Leipziger Malers Jörg Herold, das den Raum außen begrenzte.

Die Bühnenbildentwürfe

Das Staatstheater Schwerin beabsichtigte eine möglichst durchgehende Bespielung.

Damit war eine wesentliche Anforderung für die Konzeption und Konstruktion der beiden Bühnenbilder markiert: Ein schneller und möglichst unaufwendiger Auf- und Umbau war erforderlich, um von „Mozart“ zu „Sorbas“ zu wechseln. Olaf Grambow entwarf für beide Inszenierungen die Bühnenbilder. Bevor die Regiearbeit begann, entwickelte er ein Konzept, das für die beiden sehr unterschiedlichen Regisseure (,‚Zauberflöte“ Oberspielleiter des Musiktheaters Arturo Gama und „Sorbas“ Schauspieldirektor Peter Dehler) passen sollte.

Eine wichtige Voraussetzung für die Konzeption der Bühnenbilder war der Orchesterraum. Das Orchester sollte, wie auch in den Vorjahren, auf der Bühne spielen. Mit Übertragungen hatte man schlechte Erfahrungen gemacht. Das Publikum will das Orchester physisch wahrnehmen können, auch wenn es nicht sichtbar ist. Deshalb wurde in Orchesterraum gebaut, 16 x 6 m, der immer wieder verwendet wird. Dieser Raum muss also jeweils überbaut werden, entsprechend wurden die Bühnenbilder in die Höhe geplant.

Zauberflöte

Olaf Grambow zum Entwurf. ,,Die Zauberflöte ist ja eine vergleichbar überschaubare Oper, es gibt nur wenige personalintensive Chöre. In diesem großen Raum wollte ich Orte, Inseln schaffen, wo man diese kleinen intimen Szenen und Heimlichkeiten inszenieren kann. Ich habe mich vom Barocktheater inspirieren lassen, auch von dem Film „Vatel“ mit G~rard D~pardieu. Dieser spielt einen Kämmerer zu Zeiten von Ludwig XIV. Es gibt Plätze in dem Bühnenbild, die wunderschön sind. Engel, die durch eine Wolke geschwebt kommen, ganz verspielt.

Für die Tempelszenen etc. sollte eine Treppe gebaut werden. Diese musste aber mit dem Orchesterraum zusammen passen, und daraus entstand dann die Podestidee. Der Orchesterraum wurde mit einer asymmetrischen Bühne überbaut, mit Treppen zu zwei Seiten. In diese Fläche waren kleine Einzelflächen integriert, die die Konzentration und notwendige Intimität herstellen sollten."

Zum Schloss hin war die Bühne offen, die Kulisse wurde somit in das Bühnenbild ein bezogen. ,,Der Innenraum des Theaterbaus war gelb gestrichen, leicht gewischt, auch barock. Am Anfang gab es eine Klappe, aus der dann 50 Tauben flogen. Dann hatten wir ein Flugwerk zwischen zwei Türmen eingerichtet, auf dem eine Wolke schwebte, also ein ganz klassisches, barockes Theatermittel."

Der Blick zum Schloss war offen. Im zweiten Teil gab es beispielsweise einen eindrücklichen Mondeffekt. Bäume wurden extra angefertigt und den realen außerhalb des Theaterraumes angepasst. Klassischer Feuerregen durfte am Schluss nicht fehlen.

 

Alexis Sorbas

Der „Sorbas“ -Raum sollte einen deutlichen Bruch zur barocken „Zauberflöte darstellen. Für „Sorbas“ sollte eine Insel entstehen, Kreta in Schwerin. Zunächst einmal wurde der Innenraum blau geplant, griechisch blau natürlich. Die Inselsituation wollte Olaf Grambow mit Sand vor der Bühne markieren. Peter Meißner ergänzt, dass eigentlich Wasser geplant war ... Viel Überzeugungsarbeit war nötig, um den Kollegen davon abzubringen. Dafür also 60 t Sand.,, Sorbas" hat eine wesentlich kleinere Besetzung als die „Zauberflöte“, deshalb sollten starke und eindeutige Bilder geschaffen werden. Die Bühne musste entsprechend kleiner werden. In zwei Tagen den ersten Raum komplett umzubauen und zweitens zu erreichen, dass er komplett anders aussieht, das waren die größten Anforderungen für die Gestaltung des Bühnenraumes. Für Alexis Sorbas entstand eine symmetrische Bühne über dem Orchesterraum, für die die gleiche Podesterie wie für die „Zauberflöte“ verwendet wurde. Der rechte Teil der „Zauberflöten“-Bühne wurde entfernt und durch einen Treppenansatz analog zur linken Seite ersetzt. Dieser Teil war bereits unter der „Zauberflöte“ eingebaut worden, beim Umbau war lediglich die fehlende Ecke zu ergänzen.

Blaue Blechfässer, über die Bühne und den Raum verteilt, werfen für die Redakteurin

Fragen zur Assoziation mit der Insel auf. Der Ankunftsort von „Sorbas“, der Hafen, eine unfertige Landschaft, wie sie in Griechenland oft anzutreffen ist. „Ich habe bei Herrn Meißner 500 Fässer bestellt, habe aber nur 250 bekommen“. „300“ kontert dieser mit einem verschmitzten Lächeln.

Bei „ Sorbas“ sollte das Schloss nicht offensiv in die Kulisse einbezogen werden, bei der griechischen Thematik mit amerikanischer Musik durchaus nachvollziehbar. Viele Varianten wurden erwogen, am Ende wurde als Neuheit eine LED-Wand eingebaut. Olaf Grambow: „Es gab die Idee, eine Rückprojektion zu bauen oder mit Spiegeln zu arbeiten. Uns hat aber immer gestört, dass es dann nach Werbung oder Konzert aussah. Eine Leinwand (28 x 12 m) zu spannen, ging aus statischen Gründen wegen der viel zu große Windlasten nicht. Hier haben wir uns dann verschiedene Möglichkeiten zeigen lassen. So kamen wir zu der curveLED-Wand. Es ist in diesem Sinn keine Wand. Man kann durchsehen und durchgehen, das war der wesentliche Vorteil dieses Produktes. Projektionen, entweder der Darsteller in Großformat oder Bilder passend zum Geschehen oder den Gedanken der Protagonisten, wurden vorbereitet, allerdings mit grober Auflösung, nicht als perfektes ‚Bild‘ konzipiert.“ Der Einsatz einer LED-Wand in dieser Größe (curveLED Wand 28 m breit, 7 m hoch, 704 Stäbe, Rohrdurchmesser 16 mm, Material Polycarbonat, Pixelabstand 40 mm.) war für alle Beteiligten Neuland.

Der Umbau

Für den Umbau standen zwei Tage zur Verfügung, drei Tage Proben für „Sorbas“:

Dies waren komplett unterschiedliche Situationen. Am Freitag war die letzte Vorstellung, die erste Probe sollte am Montag beginnen, nachts dann die erste Beleuchtungsprobe. Es gab nur drei Proben, die vierte war die Generalprobe. Bei der Zauberflöte waren drei bis Wochen Probezeit gewesen. Ein gewisser Pragmatismus in der Regiearbeit war unabdingbar, nicht alles konnte realisiert werden. Größtes Risiko war der Anstrich. Von gelb auf blau, der Anstrich musste beim ersten Mal decken, was würde bei Regen passieren? Einige Male wurde die Farbe nach Tests zurückgeschickt, immerhin waren ca. 1500 m2 anzustreichen. Herr Altermann, Leiter des Malsaals, hatte im Vorfeld schon viel experimentiert.

Der Bühnenumbau beinhaltete den Abbau großer Teile des Bühnenbildes der „Zauberflöte“ — eine Hängebrücke links, die runde Schräge und Treppenanlage rechts, der zentrale Gerüstturm. Alle Wolken mussten entfernt werden die Öffnungen in der Theaterinnenraumverkleidung geschlossen werden. Die Treppenanlage für „Sorbas“ war zu ergänzen. Zur Aufhängung der curveLED Wand musste ein 6 t schwerer und 30 m langer Schwerlast-Gitterträger in die Gerüstkonstruktion in 12 m Höhe angebracht werden.

Zum Schluss wurden die 300 Stück 200 l Blechfässer und 60 t feinster Sand ins Bühnenbild eingebracht.

Die Mannschaft hatte Glück: Die Sonne schien am Umbautag, es war warm, der Anstrich deckte sofort und trocknete unter dem Roller. Beflügelt von diesem Erfolg, arbeitete die Mannschaft in rasendem Tempo, und am Ende war der Umbau statt in zwei Tagen in elf Stunden geschafft. Peter Meißner konnte einen verdienten außerplanmäßigen freien Tag für alle vergeben.

Teamarbeit

Bei dem schnellen Umbau hat sich sehr bewährt, dass die Teams sich schon kannten. Die Gerüstbauer kannten das Restteam aus den vorangegangenen Jahren, sonst hätte alles nicht funktioniert. „Der Regisseur hat uns freie Hand für Licht und Ton gelassen", berichten Olaf Grambow und Peter Meißner übereinstimmend. Ein Grundvertrauen war eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen. „Ich habe ja auch schon die Domstufen in Erfurt und Open-Air Theater in Koblenz gemacht, aber dies war mein größtes Jahr“, so Peter Meißner. „Es hat ungeheuer Spaß gemacht, aber bis zum letzten Moment habe ich Angst gehabt, ob alles klappt.“ Die Schlossfestspiele sind für das Theater Schwerin immer eine besondere Herausforderung. ,,Dienst nach Vorschrift“ führt da nicht weit. ,,Mit Staffelurlaub im Sommer, auch Urlaubspausen zum Umbau oder dem Abbau, wird die Arbeit bewältigt. Auch unsere Staatskapelle ist im Sommer im Sondereinsatz, denn die Live-Begleitung eines Musicals ist für ein klassisches Orchester nicht unbedingt typisch.“

Wie können die Mitarbeiter für diesen Einsatz motiviert werden?

„Die technischen Abteilungen begeistern sich offensichtlich für das Projekt, weil sie sich damit identifizieren. Das Open-Air-Theater brachte in diesem Jahr mehr als 60.000 Zuschauer. Die unmittelbar Beteiligten sind auch gern auf dem Platz, zeigen sich dem Publikum. Das Gleiche gilt für die Werkstätten. In den Werkstätten hatten wir offiziell 30 Tage, letztlich wurden es 90 Tage. Tarifverträge und Ruhezeiten müssen natürlich eingehalten werden, aber trotzdem wird mehr gegeben. Die Open-Air-Arbeit ist für alle Beteiligten enorm kräftezehrend. Die Durchläufe und Proben können ja nur nachts gemacht werden. Wenn sie früher anfingen, passte das nicht für die Beleuchtung, und auch die Akustik ist eine andere. Insgesamt lief die Open Air Saison vom 14. 04. (Beginn Aufbau) bis 18. 09. 2009 (Ende Abbau) über fünf Monate. Dazu Peter Meißner ,,Möglich wurde das nur, weil das Große Haus des Staatstheaters von Mai bis Oktober wegen Erneuerung der Untermaschine geschlossen ist, allerdings waren im Mai und im Juni auch noch zwei aufwändige Außenproduktionen des Schauspiels durch die technischen Abteilungen zu realisieren. Dafür ist ausreichend Vorlauf (wir planen jetzt bereits 2010), eine straffe und verbindliche Planung und eine enge Zusammenarbeit mit den Partnern außerhalb des Theaters unabdingbar.“

Verraten dürfen wir wohl schon, dass 2010 „La Traviata“ im „Alten Garten“ gezeigt wird, aber dazwischen liegt noch eine Saison mit der Einarbeitung in eine neue Untermaschinerie. Umbau von der Zauberflote zu Sorbas: Die linke Bühnenhälfte wurde beibehalten, die rechte Seite verändert. Die Treppe für Sorbas war schon anfangs eingebaut.

Wie können die Mitarbeiter für diesen Einsatz motiviert werden?

„Die technischen Abteilungen begeistern sich offensichtlich für das Projekt, weil sie sich damit identifizieren. Das Open-Air-Theater brachte in diesem Jahr mehr als 60.000 Zuschauer. Die unmittelbar Beteiligten sind auch gern auf dem Platz, zeigen sich dem Publikum. Das Gleiche gilt für die Werkstätten. In den Werkstätten hatten wir offiziell 30 Tage, letztlich wurden es 90 Tage. Tarifverträge und Ruhezeiten müssen natürlich eingehalten werden, aber trotzdem wird mehr gegeben. Die Open-Air-Arbeit ist für alle Beteiligten enorm kräftezehrend. Die Durchläufe und Proben können ja nur nachts gemacht werden. Wenn sie früher anfingen, passte das nicht für die Beleuchtung, und auch die Akustik ist eine andere. Insgesamt lief die Open Air Saison vom 14. 04. (Beginn Aufbau) bis 18. 09. 2009 (Ende Abbau) über fünf Monate. Dazu Peter Meißner ,,Möglich wurde das nur, weil das Große Haus des Staatstheaters von Mai bis Oktober wegen Erneuerung der Untermaschine geschlossen ist, allerdings waren im Mai und im Juni auch noch zwei aufwändige Außenproduktionen des Schauspiels durch die technischen Abteilungen zu realisieren. Dafür ist ausreichend Vorlauf (wir planen jetzt bereits 2010), eine straffe und verbindliche Planung und eine enge Zusammenarbeit mit den Partnern außerhalb des Theaters unabdingbar.“

Verraten dürfen wir wohl schon, dass 2010 „La Traviata“ im „Alten Garten“ gezeigt wird, aber dazwischen liegt noch eine Saison mit der Einarbeitung in eine neue Untermaschinerie.

Das Gespräch mit Olaf Grambow und Peter Meißner führte Karin Winkelsesser

Fotos: Staatstheater Schwerin, Ralph Larmann