Katastrophale Auswirkungen

Hamburg

Prof. Eberhard Müller, Geschäftsführer Neumann&Müller Verantaltungstechnik, über die Gefahren der Neuvergabe der Funkfrequenzbereiche für die Veranstaltungstechnikbranche, Sicherheitsstandards sowie die Gründung des Unternehmens während seiner Studienzeit.

(aus: mep Ausgabe 5/2009)

mep: Welche Gefahr geht von der Neuvergabe der Funkfrequenzbereiche zwischen 790 und 862 MHZ für die Veranstaltungstechnik aus?

Müller: Die Frequenzen in diesem Bereich sollen für das Breitband-Internet „im ländlichen Raum“ verwendet werden. Die große Lobby der Mobilfunkanbieter hat hierbei in Berlin „fast“ ganze Arbeit geleistet, und durch ihr Einwirken erreicht, dass die Politik diese Frequenzneuordnung (Neuvergabe) zugunsten der Mobilfunkanbieter durchgeführen will. In seiner 859. Sitzung am 12. Juni 2009 hat der Bundesrat erfreulicherweise den vielen Eingaben der Anwender und vor allem des „Verbands für professionelle drahtlose Produktions- technologie“ (Association of Professional Wireless Production Technologies, APWPT, www.apwpt.org - Anmerkung der Redaktion) genüge getan und die Entscheidung vertagt – mit der Auflage, die Sache auf Länderebene zu regeln. Dabei sollen die Bedürfnisse und Belange der Anwender drahtloser Mikrofone und Produktionsmittel berücksichtig werden. Es sollen für diese Anwender funktionierende Alternativfrequenzen zur Verfügung gestellt werden. Außerdem soll der Erlös aus der Versteigerung der bisherigen Frequenzen zur Entschädigung der bisherigen Nutzer ausgegeben werden.

Auf der Seite der Veranstaltungstechnik – wobei ich hier neben der temporären Nutzung bei Einzelevents, Messen, Fernsehsendungen usw., auch feste Häuser wie Opern, Musical, Theater, Museen, Mehrzweckhallen, Arenen, Studios oder Film- und Fernsehproduktionsstätten zähle – hat diese geplante Neuvergabe katastrophale Auswirkungen: Erstens: es gibt es noch keine exklusiv neu zugeteilten Frequenzen. Zweitens: die in den Raum gestellten Ausweichfrequenzen sind für die technische Umsetzung der Geräte – zumindest bisher – nicht geeignet, da für die Anwendung mit drahtlosen Mikrofonen, In-Ear-Strecken usw., der UHF-Bereich in Bezug auf die Antennen- und Wellenlänge sowie die Raumdurchdringung bei kleinsten Senderabmessungen optimal sind. Eine Technologie für andere Frequenzen ist bislang – meines Wissens – nicht entwickelt.

mep: Haben Sie bereits eine Reaktion auf Ihren Brief zum Thema Funkfrequenzbereichsvergabe von Wirtschaftsminister Guttenberg erhalten?

Müller: Auf mein Schreiben an Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg vom 5. März 2009 habe ich am 9. März eine Antwort von Herrn Rainer Wegner, Referat Frequenzpolitik im Bundeswirtschafts- ministerium, bekommen. Darin hat er die bereits bekannten Argumente wiederholt. Im Wesentlichen weist er drauf hin, dass die vorhandenen (alten) Frequenzen bis 31. Dezember 2015 genutzt werden können und dass danach Schluss ist. Durch die Bundesratsentscheidung ist diese Sichtweise, wie ich Ihnen gerade erläutert habe, zumindest vorläufig überholt.

mep: Welche Rolle spielt die drahtlose Technik für die Veranstaltungsbranche?

Müller: Eine immens große Rolle. In der Veranstaltungsbranche ist die drahtlose Technik nicht mehr weg zu denken und schon seit Jahrzehnten Standard. So sind drahtlose Mikrofone, Kameras, In-Ear-Monitoring, Kommunikationskanäle, Steuerungen und vieles mehr, ohne diese Technik nicht mehr denkbar. Man stelle sich nur einmal ein Musical wie zum Beispiel „Starlite Express“ (auf Rollschuhen) oder die Bregenzer Festspiele ohne drahtlose Mikrofone vor.

mep: Inwiefern ist Deutschland bei der Entwicklung von drahtloser Veranstaltungstechnik führend?

Müller: Aus unserer Sicht – und wir beobachten den Markt sehr genau – sind die deutschen Hersteller bei der Entwicklung drahtloser Mikrofone und drahtloser In-Ear-Strecken lange Jahre führend in der Welt gewesen. In den letzten Jahren haben hier allerdings die Amerikaner und Asiaten weitgehend aufgeholt. Die deutschen Hersteller müssen sich anstrengen und im engen Dialog mit den Kunden Produkte entwickeln, die diese auch benötigen. Das funktioniert aber nur mit gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz. Wenn die deutschen Hersteller hier nicht aufpassen, verlieren sie – nach meiner Einschätzung – den Anschluss.

mep: In letzter Zeit gab es einige schwere Unfälle mit Bühnen sowohl in Kanada als auch im Vorfeld eines geplanten Madonna-Konzerts in Marseille. Wird in der Veranstaltungsbranche an der Sicherheit gespart und was sind die häufigsten Ursachen solcher Unfälle?

Müller: Erfreulicher Weise sind technikbedingte Unfälle bei Veranstaltung relativ selten. Ob an der Sicherheit gespart wird? Das ist sehr unterschiedlich. In Deutschland haben wir sehr hohe Sicherheitsanforderungen, die teilweise auch kontrolliert werden. Bei kleineren Veranstaltungen, Veranstaltungen in Kleinstädten und ländlichen Gebieten oder Stadtteilfesten, ist eine Kontrolle oft nicht vorhanden. Da erlebe ich immer wieder haarsträubende Bühnenbauten, Abhängungen usw. Die Kunden schauen hier ausschließlich auf den Preis. Irgendwelcher Gefahren sind sie sich entweder nicht bewusst oder sagen: „Wir haben ja eine Firma beauftragt. Deshalb brauchen wir uns um diesen Bereich nicht zu kümmern“. Das ist so natürlich falsch. Es gibt für den Auftraggeber ein Auswahlverschulden, so dass er sich als Veranstalter darum kümmern muss, dass seine Dienstleister den Vorschriften entsprechend arbeiten. Geregelt ist das alles in der Versammlungsstättenverordnung und in der relativ neuen SR 6.0 bzw. in neuen, einschlägigen DIN-Normen.

Neuerdings gibt es eine „Deutsche Prüfstelle für Veranstaltungstechnik“ (DPVT), die durch den Branchenverband VPLT unter massiver Mitwirkung seiner Mitglieder ins Leben gerufen wurde. Hier haben Unternehmen – von großen Rental-Companys bis zum Einzelunternehmer (Freelancer) – die Möglichkeit, sich prüfen und zertifizieren zu lassen. Das ist eine sehr viel versprechende Initiative: Denn erstmals werden die Kunden die Möglichkeit haben, geprüfte und zertifizierte Unternehmen zu beauftragen. Dadurch entfällt das Auswahlverschulden auf Kundenseite künftig. Aus unserer Sicht ist das ein neutrales Kriterium, bei dem sich die Spreu vom Weizen trennt.

mep: Mit welchen nationalen Besonderheiten und Herausforderungen ist Neumann&Müller an seinen ausländischen Standorten in Brüssel, Prag und Dubai konfrontiert?

Müller: Das ist sehr unterschiedlich: Gibt es in Tschechien praktisch kein oder kaum Geld, ist es in den Vereinigten Arabischen Emiraten, zum Beispiel in Dubai, umso mehr vorhanden. Trotzdem muss man in Dubai um jeden Auftrag kämpfen, denn der Wettbewerb ist groß und das Geld wird nur gezahlt – übrigens: grundsätzlich sehr spät; egal, was man vereinbart hat – wenn eine Top-Leistung erbracht wurde. 

In Tschechien haben wir unseren Sitz in Prag – und dies ist auch mit der Hoffnung verbunden, dass beim Zusammenwachsen Europas verstärkt Aufträge in diesem Land vergeben werden. In Brüssel sind wir meist für deutsche Firmen tätig, die dort – am Sitz der EU und der Nato – ihre Niederlassungen haben.

Für alle Standorte gelten die Sprach,- Verwaltungs-, Steuer, Zoll- und sonstigen Probleme in unterschiedlichster Ausprägung. Dies erfordert viel Vorbereitungszeit, viel Planung und Organisation.

mep: Wie kam es zur Gründung des Unternehmens durch Jürgen Neumann und Eberhard Müller 1980 in Düsseldorf und worin bestanden die ersten Aufträge für den WDR?

Müller: 1981 haben wir, Jürgen Neumann und ich, als Toningenieur-Studenten in Düsseldorf, neben unserem Studium gemeinsam in einer Band gespielt: Jürgen Neumann am Bass, ich am Drumset. Das machen wir übrigens heute wieder – er in München und ich in Hamburg. Beim damaligen SDR in Stuttgart bin ich während eines Ferienjobs als Toningenieur für kleine Ü-Wagen beim Hörfunk mit einer Fremdfirma für Beschallung in Kontakt gekommen. So reifte der Entschluss, diesen Beschallungsjob auch zu machen, um neben unserem Studium etwas Geld zu verdienen. 

Durch unser jeweiliges Equipment, das wir aus unseren vorangegangenen Bandtätigkeiten jeder nach Düsseldorf mitgebracht hatten, konnten wir Beschallungen für den WDR (Hörfunk Ü-Technik) anbieten, und hatten das Glück, dass wir auch Aufträge bekamen. Fehlendes Equipment wurde durch Ferienjobs zunächst bei Daimler und SDR, dann durch die Aufträge des WDR, zusammengespart und dann gekauft. Am Ende unseres Studiums, das wir beide – trotz unserer Firma – abgeschlossen haben, hatten wir schon zwei Filialen und waren so groß geworden, dass wir unsere ursprünglichen Ziele zugunsten unserer Firma aufgaben. Der Rest ist Geschichte...